Interreligiöses Rawald-Festival / 25.6. - 26.6.2019

Unser Interreligiöses Rawald-Festival vom 25. -26. Juni 2019

Gudrun Rawald z“l aus Rotterdam/ Niederlande war ein mentsh mit einem großen Herzen, Visionen und der nötigen Tatkraft, um diese auch durchzusetzen. Sie war weitgereist, 10 Jahre hat sie in Indonesien gelebt und gearbeitet und dort mit ihrem Mann 5 Kinder gross gezogen, 4 davon adoptiert. Sie ging auf Menschen zu und tat, was ihr möglich war, um in unsere Welt ein bisschen mehr Licht zu bringen.  Das Judentum und seine Geschichte sowie die Überwindung von Entfremdung, Zwietracht und Gewalt zwischen den 3 grossen monotheistischen Weltreligionen waren ihr ein besonderes Anliegen. Sie legte testamentarisch fest, dass nach ihrem Tode in ihrem Namen in Berlin eine gemeinsames Feier- der drei großen Religionen unter Leitung einer jüdischen Gemeinde oder Gruppe stattfinden sollte. Chasan Jalda Rebling und ihrer Gemeinde Ohel Hachidusch wurde das Legat von Rabbiner Albert Ringer aus Rotterdam anvertraut. Bei der Vorbereitung wurde schnell klar, dass wir im Sinne von Gudrun Rawald ein interreligiöses Festival veranstalten würden, auf dem Mauern ein wenig bröckeln und sich Menschen der drei monotheistischen Religionen auf Augenhöhe treffen und zusammen feiern.

Wir mussten nicht lange überlegen: unsere Partner wurden langjährige Freunde, mit denen wir auch schon früher erfolgreich zusammen gearbeitet hatten: die ev. St. Martha-Gemeinde in Kreuzberg, (http://www.martha-gemeinde.de/), Ars Choralis Coeln unter Leitung von Maria Jonas (https://www.ars-choralis-coeln.de/), Bassem Hawar, Musiker aus Bagdad / Köln (www.bassemhawar.com/ ) und Zahra Samadi von der Fachhochschule für Technik, Berlin. Die Martha-Gemeinde stellte auch grosszügig die Räume für unser gemeinsames Fest zur Verfügung und bewies sich mal wieder als grossherzige Gastgeberin. Wir fühlten uns in der liebevollen Atmosphäre gleich zu Hause. Ein grosses Danke-schön geht an Els van Vemde und Pfarrerin Monika Matthias.

Besonders gerührt und erfreut waren wir, dass sich 2 der Töchter von Gudrun Rawald, -Ruth und Monique,- sowie Rabbi Albert bereit erklärt hatten, an unserem Fest aktiv teilzunehmen und ihre Erinnerungen mit uns zu teilen. So bekam Gudrun ein ganz persönliches Gesicht und war uns sehr nah. Sie war dabei. Dieses Gefühl wurde dadurch verstärkt, dass Ruth und Monique Fotos von ihrer Mutter mitgebracht hatten und Ruth ihre Mutter in ihrer sehr anrührenden Rede auch persönlich ansprach. Wir hatten viele Fragen an Ruth und Monique, die sie auch offen und bereitwillig beantworteten, so dass schon bei den Willkommensgesprächen am Samstagabend schnell eine Atmosphäre der Vertrautheit entstand. Diese Atmosphäre wurde noch durch die sehr persönlichen Begrüssungsreden und mit Musik unterstrichen. Jalda und Bassem improvisierten einige Strophen aus dem Hohelied Salomos. Jaldas Stimme und Bassems Dhoze zauberten Jahrhunderte alte Klänge und Bilder aus der Wüste in den Saal. Die Dhoze ist ein orientalisches Saiteninstrument mit langem Hals und rundem Resonanzkörper. Bassem baut alle seine Instrumente übrigens selber.

Die Zeit ist schnell vergangen und bei der anschliessenden Se´uda shlishit, der dritten Mahlzeit am Schabbat, hatten wir ordentlich Hunger. Nach dem Ohel-typischen Kiddusch schmeckte das Essen köstlich und wir danken allen, die dazu beigetragen haben. Es wurde schnell dunkel und unter Jaldas Leitung verabschiedete unsere Gemeinschaft aus den 3 grossen monotheistischen Religionen zusammen den Schabbat.

Am nächsten Tag, dem Sonntag, feierten wir den ganzen Tag. Es begann mit einem interreligiösen Gottesdienst, in dem alle 3 Religionen mit Texten und Gesang zu Wort kamen. Viele reguläre Gottesdienstbesucher der Martha-Gemeinde beteten mit uns gemeinsam. Auch sie wurden schnell in den Bann des gemeinsamen Erlebens gezogen. Ars Choralis Coeln unter Leitung von Maria Jonas, Bassem Hawar, Zahra Samadi und Chasan Jalda sangen und musizierten gemeinsam zur Ehre des einen Gottes und zum Andenken an Gudrun Rawald z´´l bis die Kirche vibrierte und der Engel mit dem gebrochenen Flügel, ein Symbol der Martha-Gemeinde, sicher auch einen Kraftschub verspürte.

Danach war bei Kaffee und Keksen Gelegenheit zu weiteren Diskussionen und zum näheren Kennenlernen einiger Mitglieder der St. Martha Gemeinde, die dann auch bis zum Ausklang unseres Festes blieben. Sie fühlten sich wohl und angesprochen, eine schöne Bestätigung für unsere Feier.

Zum Lunch genossen wir ein vorzügliches vegetarisches Buffet, wofür wir dem Catering Service „Cathrin kocht“ sehr danken. Da das Wetter mitspielte, aßen die meisten von uns im hübschen, erholsamen Garten der Martha Gemeinde. Auch hier kamen wieder viele interessante Gespräche in Gang und ehe wir uns versahen, war Zeit für den nächsten Programmpunkt:

Kein Fest ohne Lernen. So begannen wir gestärkt unsere Mittagsrunde, in der uns Rabbi Albert spielerisch vermittelte, wie wichtig Gemeinschaft ist. Es folgten Berichte von Els van Vemde und Monika Matthias über die schon Jahrzehnte andauernde Integrationsarbeit der Martha Gemeinde, in der 1978 das erste emanzipatorische Frauencafé der Berliner Kirchenlandschaft gegründet wurde. Dieses Café wurde  später in das Mira Martha Projekt, in dem sich viele, überwiegend frauenspezifische Initiativen bündelten, eingegliedert.

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Nach einer kurzen Kaffeepause klang der Tag aus mit einem Konzert von Lailah -Stimmen zur Nacht , auch dieses ein Projekt, das aus den Visionen Einzelner entstanden ist: Jalda Rebling hatte die Idee und Jalda, Maria Jonas und Maryam Amer haben sie zusammen umgesetzt und weiterentwickelt bis Lailah so wurde wie wir es Sonntagabend erleben durften. LAILAH definiert sich als ein interkulturelles-religiöses Projekt, welches die Grenzen zwischen den drei Religionen Judentum Christentum und Islam musikalisch überschreitet, um zu ihren Ursprüngen zurückzukehren. Wir entdecken Gemeinsames, ohne die Verschiedenheít der Wege aufzugeben. Im Zentrum steht der musikalische Dialog bzw. Trialog. Was wir alle miteinander teilen können, sind unsere musikalischen Wurzeln, die auf gemeinsame modale Ursprünge zurückgeführt werden können. Hier beginnen wir unsere Entdeckungsreise.

Es wurde wirklich zu einer Entdeckungsreise. Die ursprünglich jüdischen T´hillim sind die Psalmen der christlichen Tradition. Im Koran finden sich viele Zitate aus den T´hillim. Unser aller Musik hat ihren Ursprung im Zweistromtal.  Im Saal herrschte gebannte Stille.  Eine tiefe Andacht, die an das Herz rührte. Die Stimmen klangen teilweise wie Rufe aus einer anderen Welt, einfach himmlisch. Und die Instrumente -Dhoze, Tamburellos, Glocken, Harfe und Shrutibox- fügten sich harmonisch ein. Es war ein musikalischer monotheistischer vielfältiger Einklang.

Gudrun Rawald z`` l hat mit ihrem Legat einen Stein ins Rollen gebracht. Wir konnten ihm mit unserem interreligiösen Fest einen Schubs geben, der unsere gemeinsamen Wurzeln verdeutlichte und stärkte. Gudrun hat sich einen Traum erfüllt, der weiter wachsen wird. Das Motto der Martha-Gemeinde auf ihrer website ist ein Gedanke von Nelly Sachs z´´ l , der auch zu unserem Rawald-Fest passt:

Alles beginnt mit der Sehnsucht. Immer ist Raum für mehr...

Etha Jimenez, 03.06.2019